Mathematik im Wald - Natürlich Lernen
51944
post-template-default,single,single-post,postid-51944,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-1.8,vertical_menu_enabled, vertical_menu_width_290,smooth_scroll,side_menu_slide_from_right,wpb-js-composer js-comp-ver-4.12,vc_responsive
Schüler und Schülerin am Mathe Camp

Mathematik im Wald

Das soll funktionieren?

Ein Erfahrungsbericht über das Mathematik Camp

Kinder brauchen Anwendungsbeispiele in der Mathematik, höre ich immer wieder die Eltern sagen. Dabei hat der Vater ein logisches Denkmodell vor Augen hat und die Mutter sieht hartes Lernen. Was stimmt von den beiden Herangehensweisen? Wir haben es einmal ganz anders probiert – mit dem Mathematik Camp.

Der erste Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern

An einem Montag im August wurden die Kinder von den Eltern an die Spielstätte am Fuße der Ringwarte gebracht. Sie stiegen mit leichten Vorbehalten aus. „Hoffentlich ist Mathematik für mich nicht zu langweilig. Muss ich vielleicht Aufgaben machen, die ich nicht lösen kann? Oder wie gut können die anderen Mathematik? Zum Glück sind Freunde dabei, auf die ich mich verlassen kann.“ Das Motto von Seiten der Kinder hieß: „Es wird schon was werden.“

Die Eltern und ihre Vorstellungen

Von den Eltern her wurde die positive Seite von diesem Abenteuercamp den Kindern vermittelt. Ja, da kannst du mit Freunden Spaß haben und nebenbei Mathe lernen. Und dann erzählen Eltern, wie begeistert sie von Turmrechnen und Kopfrechnen waren, oder aber auch wie undurchschaubar und abstrakt Mathematik für sie war.

Mathematik im Wald

Ja, was kann man alles auf einem Waldboden entdecken? Alte Baumstümpfe, Stämme, Astwerk, Zapfen, Früchte, Nadeln und Blätter findet man zur Genüge. Allein die Größenordnungen, Mengen und Formen konfrontieren dich mit der Mathematik. Wie lange ist dieser Stamm und welches Gewicht hat er? Wie viele Kastanien befinden sich in einer Frucht? Welche Form besitzt ein Stamm? Hier ist Mathematik begreifbar und ich habe noch einen Slogan darauf gesetzt:

„Wenn man Mathe versteht, so versteht man die Natur.“

Habe ich das einfach so dahingesagt? Natürlich nicht, hier steht eine Erfolgsgeschichte dahinter..

Zahlen Anwendungen in der Natur

Meine eigenen Vorbereitungen auf Mathematik im Wald

Allein, wenn ich an mein Mathematikverständnis denke, dann kommt mir selber wieder der Zweifel: Habe ich das Gelernte auch verstanden? Ich denke an die Mathematik in der Forstwirtschaft in den Fächern Forsteinrichtung,  Ertragslehre oder Statistik. Hier wurde mit Zahlen und vielen Variablen (Unbekannten) Gleichungen aufgestellt, die die Werte eines Waldes beschrieben, zum Beispiel Anlagenwerte und  Ertragswerte, die sich auf einen Hektar Wald bezogen. Mit der Ertragstafel in der Hand erhalte ich Auskunft über die Menge an Holz auf einem Hektar Eichen-Kiefernwald von heute, in 10 oder 20 Jahren. Die Änderung des Wetters ist jedoch noch nicht inbegriffen. Mit dem Bedienen eines Apps auf dem Computer verliert man jedoch die Darstellung der Gleichungen und damit das G’spür der Relation der Zahlen und Variablen zu einander.

Deshalb machen wir es „life“.
Für ein Verständnis von Mathematik tragen einfache Gleichungen bei, wie zum Beispiel für die Berechnung eines stehenden Baumes die Schätzformel  nach DENZIN  Vfm =(BHD²/1000) gilt. (Steigen Sie schon aus?) 😉
Die Gleichung hat für Bäume mit der Höhe von 25m Gültigkeit. Bei Bäumen, die höher oder weniger hoch sind, wird für jeden Meter  3 % des Volumens  dazu oder weggerechnet. Das Volumen wird in Vorratsfestmetern und Brusthöhendurchmesser (BHD) in cm  angeben.
Als Beispiel bei einem Baum mit BHD = 40 cm, H = 27 m sind es 1,6 Vfm und dazu müssen noch + 6 % dazugerechnet werden. Der Baum hat ein Volumen von  1,7 Vfm. (Und jetzt, immer noch dabei?) 😉

Alleine beim Messen mit der Messkluppe, einem Holzstab und einem Maßband bekommt jede und jeder eine Vorstellung von Größe, Höhe und Volumen des Baumes.

„Du hast sprichwörtlich die Maße in der Hand.“

Und genau darum geht es, einen Begriff von Zahlen zu bekommen, sie zu „begreifen“.

Ich stellte einfach die Frage: „Was ist Mathematik für dich?„

Und ich hatte sehr wohl meine Zweifel. Was wird wohl kommen von den Kindern? Ist das ausreichend?
Es fing mit dem Bauen, Rechnen, Messen, …an. Die Zahlen – für sie sind es die fassbaren Zahlen eben, die man an den Händen oder an den Uhren abzählt, und die unfassbaren, bei einigen schon ab der Zahl 50. Ich bin über 50 Jahre und das ist für manche Kinder unfassbar, uralt, dem Zeitalter der Dinos nahe. Jedoch bin ich für sie fassbar und begreifbar. Die Weitseher unter ihnen stürzen sich gleich auf die liegende Acht – die Zahl „Unendlich“. Etwas außer Reichweite, in ihren Vorstellungen eine Straße die sich in die Länge zieht und kein Ende hat – eine Baustelle für immer. Für sie ist die Zahl vergleichbar mit den unzählbaren Sternen am Himmelsgewölbe – so „etwas Kosmisches“. Mit dem Kosmos und der Unendlichkeit stehe ich dann an – die Kinder noch nicht! Der Kosmos ist nur ein Name für weitere Zahlen, dahinter gibt es noch mehr Zahlen… ich fühle mich betroffen von ihrer Vorstellungskraft und lächle. Ja, es funktioniert!

Unfassbar, welche Dynamik hier entstand.

Aus welchem Augenwinkel sie die Bäume im Gefüge Wald wahrnahmen, war für mich mehr als jene des Försters. Im Gepäck hatten sie ihre Handsäge, die Axt und auf dem Kopf den Helm. Sie wussten sehr bald über die Verteilung der dürren Bäume im Wald Bescheid. Diese wurden an ihrer Wuchsform, Höhe und dem Gewicht bestimmt. Und anhand der Wuchsform hatten die Kinder über die Technik des Fällens, die Richtung und die dafür benötigte Zeit des Fällens genügend Informationen gesammelt. Ihr Ziel war es, die Arbeiten immer effizienter zu gestalten, um die Größe IHRES Holzstapels zu verdoppeln. Und sie stellten dabei alle Ihre Kräfte unter Beweis.
Wir machten in 4 halben Tagen 3 Raummeter Brennholz, das wir mit einem großen Feuer feiern werden. (Wegen Trockenheit und Feuergefahr konnten wir das nicht gleich tun…)

Sie lernten all das, was ich zu Forsteinrichtung und Waldbau an der UNI lernte, mit ihrer Herangehensweise und Begeisterung, auf eine so leichte Art und Weise, dass ich demütig daneben stand. Hätte ich mit Statistik oder gar mit Flächenberechnungen angefangen, wäre ich nicht weit mit ihnen in Sachen Mathematik gekommen.

Messen mit dem Körper

Die Arbeit mit unterschiedlichem Alter

Kinder von 8 bis 10 Jahre brauchen Mathematik vorgeführt. Man führt sie an das Messen der Stämme heran, erarbeitet das eigene Schrittmaß und lernt das Abschätzen von Entfernungen. Der Zahlenraum steigt bis auf 1000 und mehr an.
Jugendliche von 11 bis 15 Jahren werden von den Erwachsenen begleitet. Fragestellungen geben den Rahmen, wie zum Beispiel: „Wie viel Zeit brauche ich für die Aufarbeitung von einem halben Festmeter? Wie kann ich die Höhe am stehenden Baum ohne Maßband messen?“ Bei den Jugendlichen geht es bereits um Maßeinheiten, Gleichungen und Perspektiven.

Mathematik für Eltern und Kind – was ist zu tun?

Kinder sind neugierig, haben Fantasie und sind zu begeistern. Als BegleiterIn oder auch als Elternteil ist eine gewisse Haltung für das Wecken ihrer Fähigkeit zum selber Lernen – natürlich lernen eben – förderlich:

  • Sei du selbst neugierig – auch wenn du schon „uralt“ bist, fast ein Dino 😉 –, lasse dich von deinem Kind begeistern. Freude steckt an und bringt die Lust auf weiteres Tun mit sich.
  • Arbeite an Lösungen und halte nie dem Kind seine Probleme vor. Es wird das verstärkt, worauf Du Deine Aufmerksamkeit richtest. Und willst Du Probleme verstärken? Sicher nicht!
  • Stelle Fragen und bringe eventuell Anwendungsbeispiele für ihre Lösungsansätze. Wer fragt führt!
  • Die AHA Aussagen der Kinder sollen dich noch nicht ruhig stimmen, sondern frage weiter nach.
  • Mache Dir immer wieder bewusst, dass jeder eine eigene Herangehensweise für mathematische Lösungen bereit hat – und sie alle zur richtigen Lösung führen können. Nicht nur Deine Lösung gilt.
Mathe Camp

Für mich im Mathe Camp war die größte Herausforderung das Ungewisse. Wohin führt diese Mathematik im Wald? Reicht es wirklich, die Kinder selber – natürlich – lernen zu lassen? Ich habe es ausgehalten und wir, die Kinder und ich, sind mit einer intensiven Lern- und Arbeitswoche und mit überraschenden Erfolgen belohnt worden: mit einem „Begreifen“ der Zahlen und der Geometrie im Wald, mit einem riesigen Holzstapel und Ihrem Tun, welches kein Ende kennt. Für die Kinder ist das Camp nicht aus – es läuft weiter. Das bezeugt ein neu gewonnenes Selbstverständnis in ihrem Zugang zur Mathematik.

Und ich habe bereits Anfragen für das nächste Camp im Sommer, ich freue mich jetzt schon darauf!

Ihr Hans Peter Killingseder
1 Comment
  • Martin
    Antworten

    Sehr schönes Projekt!

    28. Juli 2017 at 7:14 pm

Post a Comment